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TripNotizen

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2013-06-01 (rückerinnert zweieinhalb Monate später):

Ich konsumierte (mit Freunden zusammen) eine nach Auskunft an mich vergleichsweise geringe Dosis LSD (0,1mg, bereits leicht Witterungs-zersetzt). Binnen der ersten Stunde setzte sehr langsam eine spürbare Benommenheit bei mir ein.

Ich kam mir in meiner visuellen Wahrnehmung geringfügig eingeschränkt vor. Ich versuchte dies meinen Begleitern zu beschreiben als leichte Schrumpfung oder zumindest Verundeutlichung / Vernachlässigung meines Blickfeldes an seinen äußeren Rändern.

Darüber hinaus spürte ich eine leichte Veränderung in der Wahrnehmung meiner Bewegungsfähigkeiten und meiner körperlichen Kräfte. Ich spürte die Kräfte in meinen Gliedmaßen weniger. Der Verlust des Gefühls meiner Kräfte ähnelte einem Schwäche-Gefühl; allerdings fühlte ich mich nicht darin behindert, Entfernungen zurück zu legen und andere komplexe Bewegungen auszuführen. Da meine Fortbewegung mit vermindertem Eindruck eigenen Krafteinsatzes einher ging, fühlte ich mich dabei leicht schwebend.

Außerdem überkam mich eine zwanghafte Heiterkeit. Ich geriet sehr kicherig, ob der banalsten Anlässe. In den ersten ein bis zwei Stunden liefen wir noch viel herum und interagierten mit diversen über unseren Konsum (anfänglich) uneingeweihten Menschen; das Nachdenken, inwieweit mein eigenes Verhalten diesen gegenüber auffällig sein müsste, steigerte die Kicherigkeit nur.

Diese Benommenheit dauerte ein paar Stunden an, während der wir uns schließlich aufs Gras an einen See setzten. Dort scherzten wir als Gruppe viel herum, genossen unseren Zustand und bekamen gelegentlich Besuch von befreundeten, eingeweihten Nicht-Trippenden. Die mit mir trippende foxitalic erwähnte als ihre Wahrnehmungen Vertiefungen / Obsessionen in die Strukturen der umgebenden Natur (Gras, Bäume); ich spürte davon bei mir nichts.

Als wir uns nach längerer Weile wieder vom Gras erhoben und in Bewegung setzten, verebbte die Benommenheit bei mir bereits langsam und machte regem Analysieren meiner gerade gemachten Erfahrung Platz. Ich war ein wenig enttäuscht über deren Verebben. Ich spekulierte, ein großer Teil meines ausgelassenen Verhaltens könne daher rühren, dass ich mich als nach außen als "trippend" Markierter sozial legitimiert fühle, mich ausgelassener zu verhalten als sonst (so wie Alkoholkonsum Menschen als Alibi dienen mag, sich ungehemmter zu geben).

2013-08-10 (rückerinnert binnen der folgenden anderthalb Monate)

Konsumiert wurde ein Doppeltes der Dosis vom 2013-06-01 (0,2mg, leicht Witterungs-zersetzt). Binnen der ersten Stunde setzten ähnliche Wirkungen ein wie damals, aber bereits gefühlt schneller und intensiver.

Eine Weile nach Einnahme suchten foxitalic und ich eine ruhige Stelle des Festivals zum Sitzen im Gras auf. Von dort beobachteten wir Menschen, die mit Hoola-Hoop-Reifen diverse körperkünstlerische Spiele probierten. Diese Vorgänge schienen mir reich an Zaubertrick-artigen Momenten des Ineinandergreifens und Vertauschens und Zusammenfügens und Auseinanderlegens von Ringen, die auf mich vermutlich auch im nüchternen Zustand etwas rätselhaft gewirkt hätten. Während des Zuschauens überkam mich die vom letzten Trip gewohnte Kicherigkeit. Sie wurde mir stark spürbar in ihrer körperlichen Zwanghaftigkeit: Meine Gesichtsmuskeln überkam ein unabschüttelbares Grinsen, die Wangen wurden mir extrem in die Höhe gezogen. Es kostete Mühe, den Mund gelegentlich geschlossen zu halten, um nicht ins Sabbern zu verfallen.

Meine visuelle Wahrnehmung unterlag langsam spürbaren Änderungen. foxitalic meinte bereits, sie sähe beim Blick aufs Bewegen ihrer Hände Schlieren, und vielleicht äußerte sie auch, der Boden bewege sich für sie. Ich konnte Derartiges noch nicht wahrnehmen. Ich sagte, die Bewegungen ihrer Hände wirkten auf mich geringfügig verlangsamt oder stärker als Abfolge von Einzelbildern erkennbar ("ich habe den Eindruck, ich kann etwas mehr als sonst die Frame-Rate sehen"). Insbesondre der Blick auf die Natur vor uns, vor allem den Rasen, schien mir leicht verändert: die Tiefe des Raumeindrucks stärker aufgelöst in ein Hintereinander verschieden entfernter Ebenen, von denen ich jeweils nur eine einzige fokussieren / scharf stellen konnte (Abnahme der Schärfentiefe).

Irgendwann erhoben wir uns. Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir danach viel oder wenig hin und her liefen; ab hier ist die von mir geschilderte Chronologie der Ereignisse mit Vorsicht zu genießen, ihr Vorher und Nachher und Wie-Oft gerät in meiner Erinnerung leicht durcheinander. Auf jeden Fall ließen wir uns eine Weile später an einem anderen Punkt nieder, der wohl zwanzig bis dreißig Meter von unserem Ausgangspunkt entfernt war und uns die eben beobachtete Umgebung aus einer anderen Blickrichtung zeigte. Die "Hoola-Hoop-Menschen", wie ich sie nannte, waren weiter entfernt; dafür waren um uns herum mehr Menschen, die umherliefen und diversen anderen Tätigkeiten nachgingen. Einige führten Jonglage-Übungen durch, mit Stöckern oder Bällen. Bekannte/Freunde gesellten sich hier teilweise zu uns. Im Verharren und Umher-Blicken an diesem Ort wurde der Trip für mich gefühlt rasch sehr viel intensiver.

Mein Vermögen, möglichst viel Wahrnehmung in einen zusammenhängenden Gesamteindruck zu fassen, nahm rapide ab; als schrumpfe mein Wahrnehmungs-Fokus immer weiter, auf immer kleinere Bereiche / Splitter / Punkte der Umgebung – die ich dafür aber umso intensiver wahrnahm, die dann den Rest meines wahrnehmbaren Umfelds stark überstrahlten. Der Raum um mich schien so in getrennte, jeweils nur für sich stehende Teile zu zerfallen: Ich konnte Natur, Menschen und Bauten fokussieren, die sich geradeaus vor mir befanden; lenkte ich meinen Blick zur Seite, nach links oder rechts oder oben oder unten, schien mir das, was ich wiederum dort sah, vom eben fokussierten Raumbereich sehr weit entfernt; zu weit jedenfalls, um diese verschiedenen Blickrichtungen zu einem Gesamt-Raum-Eindruck zusammenzufügen. Manche fokussierte Bereiche bekamen stattdessen in sich große Tiefe und Weite und drängten den Rest-Raum damit zur Seite. Der Blickwechsel von einer Richtung zu einer anderen wirkte wie der von einer Welt oder einer Erfahrung oder einer Uhrzeit zu einer jeweils ganz anderen.

So sprang mein Wahrnehmungsfokus hin und her über die Gegenstände meiner Umgebung. Ich nahm stark und vereinzelt die vor mir jonglierenden Menschen wahr – wie hervorgehobene, vordergründige Ausschnitte vor einem flachen, verschwommenen Hintergrund. Auf diese Weise Objekte zu fokussieren, war aufregend; wie das Anstarren eines faszinierenden Gemäldes. Ich fokussierte auf Nahes wie Fernes. Wenn ich auf Fernes fokussierte, kam ich mir etwas näher an der gewohnten Realität vor, konnte mehr Dinge auf einmal zu einem halbwegs schlüssigen Gesamteindruck von Welt zusammenfassen. Ich streckte meinen Arm aus, meine Hand, in die Ferne, und hatte den Eindruck, ich versichere mich so der natürlichen Tiefe meiner Umgebungswelt, greife so aus dem Trip in meiner unmittelbaren Nähe hinaus in die untrippige Wirklichkeit da draußen. Von dieser zu entfernen schien ich mich dagegen, wenn ich mich auf meine nächste Nähe konzentrierte. Ich schaute zur direkt neben mir sitzenden foxitalic, und ihr Gesicht erschien mir gigantisch. Ich schaute auf meine Hand, bald sogar nur noch meinen Daumen, und dachte, ich könne mich darin verlieren.

So wechselte mein Fokus hin und her zwischen der ferneren Außenwelt und ihrer relativen Normalität auf der einen Seite – und auf der anderen Seite dem, was mir räumlich näher war, den Details der kleineren Dinge direkt um mich herum, und mir selbst. Wenn ich auf diesen Bereich des mir Nahen fokussierte, schien in meiner Wahrnehmung noch viel mehr zu zerfallen als nur der Raum. Ich schaute auf meine Hand und sah in höchster Komplexität die Verästelungen meiner Handlinien, die Linien und Ringe in der Haut meiner Fingerkuppen. Ich hatte blitzartige Eindrücke, noch tiefer schauen zu können; meine Blutbahnen etwa, wenn schon nicht direkt zu sehen, so doch zumindest erkenntnismäßig in die Beobachtung meiner Hand hinein projizieren zu können. Ich hatte aber auch den Eindruck, mein Zeitempfinden abbremsen oder gar verlassen zu können. Mir war, als könne ich nach eigener Entscheidung das Maß der Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Kausalität und Dinglichkeit der Welt regulieren, die meine Wahrnehmung mir baute; als könne ich beobachten, wie meine Wahrnehmung funktioniert und diversen Input nach diesen Kategorien zu einer schlüssigen Erzählungen oder einem schlüssigen Film von der Welt zusammenfügt. Schloss ich die Augen, kam ich mir noch stärker auf diese Selbst-Analyse zurück geworfen vor.

In diesen Zustand hinein stieß als Input ein Freund von foxitalic, der sich zu uns setzte, den ich noch nicht kannte und der mir jetzt vorgestellt wurde. Wir stellten gemeinsam fest, dass das gerade ein etwas schwieriger Zeitpunkt sei, um jemand Neuen kennenzulernen. Ich versuchte, diesem Menschen darzulegen, dass ich ihn zwar wahrnähme, er mir aber zugleich sehr, sehr weit entfernt vorkomme. Die ganze Situation bildete den Einstieg für weitere nach außen greifende Interaktionen mit der Welt. Wir wandten uns anderen Freunden in nächster Nähe zu. foxitalic erzählte, sie versuche, sich eine Zigarette zu drehen; das sei aber unter Trip-Bedingungen eine besondere Herausforderung. Sie parlierte mit unseren Freunden und wandte dann ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer nun während ihres Parlierens wie magisch fertig gedrehten Zigarette zu – und staunte über ihr gar nicht bemerktes Zigaretten-Dreh-Vermögen. Ich dagegen probte, mich im gegenwärtigen Zustand sinnvoll fortzubewegen – stand auf und ging auf einen wenige Meter entfernten Punkt in der Landschaft zu und von dort wieder zurück, und bestätige mir so mein Körperkoordinations-Vermögen. Bald darauf beschlossen wir, ein bisschen herumzulaufen – vielleicht auch auf meine Bemerkung hin, dass ich mal pinkeln müsse.

Während wir herumliefen, schien mir meine Wahrnehmung nicht mehr ganz so zersplittert – sie fasste nun (notgedrungen?) sehr viel mehr Umwelt auf einmal zu einem Gesamtbild zusammen. Trotzdem wirkte die so zusammengefügte Welt mindestens visuell instabil, wabernd – als würde sie von einem Raster getragen, dessen Linien bzw. deren Schnittpunkte nicht stillhalten konnten, locker in alle Richtungen fluktuierten. Besondere Aufmerksamkeit beim Umhergehen entlockte mir das Stroh, das überall auf den Festival-Wegen herumlag; es schien mir in seiner Gelbheit besonders extrem zu leuchten. Ich unterhielt mich beim Herumgehen viel mit foxitalic über meine gegenwärtigen Eindrücke und Einfälle und über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, sie laut zu beschreiben. Ich äußerte Sorge, völlig frei laut auszusprechen, was mir in den Sinn käme – weil dabei möglicherweise Gedanken heraus kämen, die politisch inkorrekt seien bzw. selbst oder gerade im hiesigen Hippie-Umfeld anstößig; als ich mit Beispielen (irgendwas aus dem Bereich Sex und Gewalt oder Evolutionspsychologie, das ich präziser nicht mehr zu rekonstruieren weiß) kam, stimmte foxitalic mir zu, dass derlei laut zu äußern im gegenwärtigen Umfeld problematisch sein könne.

Irgendwann beschlossen wir, unser Zelt zu besuchen, warum auch immer. Das Navigieren des extrem zugestellten Zeltplatzes (kaum freier Boden; überall Befestigungs-Strippen; Zelte, die an den Rändern teils aufeinander standen) schien mir durch den Trip stark verkompliziert. Als wir am Zelt ankamen, wollte ich diverse profane Dinge erledigen, deren Profanität und Zeitverbrauch foxitalic zu frustrieren schien (Verschwendung des guten Trips!). Ich verschwand im Zelt, um mich für den baldigen kälteren Abend wärmer zu kleiden, aber auch für die Suche nach Futter; ohne Hunger zu spüren, hatte ich doch den starken Gedanken, ich müsse etwas essen. Das Zelt schien mir von innen größer als sonst, in seiner Räumlichkeit übermäßig betont. Als foxitalic kurz mit dem Oberörper rein schaute, ragte sie in meiner Wahrnehmung ungefähr so hinein, wie ein T-Rex mit seinem Oberkörper in einen großen Raum hinein ragen würde. Mein Getue im Zelt schien ihr zu lange zu dauern; sie fragte, ob sie kurz verschwinden könne (zwecks Klobesuch?); ich bejahte. Allein im Zelt, begann ich, ein Zehner-Pack Hanutas zu öffnen (zwecks Hanuta-Verzehr). Dieser Vorgang (das Herunterzwängen der Plaste-Folie vom Verpackungs-Karton; dessen Aufreißen) schien mir sehr anspruchsvoll und kompliziert und viel Zeit zu dauern – aber ich bewältigte ihn. Ich lehnte mich mit Kopf und Händen und Hanutas aus dem Zelteingang hinaus ins Gras und aß; dabei beschaute ich die Zeltlandschaft und wartete auf die Rückkehr von foxitalic. Ich sorgte mich ein wenig: Was, wenn sie (aus welchen unwahrscheinlichen Gründen auch immer) nicht wiederkäme? Wie ließe sich das, wie die Suche nach ihr, im Trip bewältigen? Die Sorge belastete mich aber nicht allzu lang; ich konnte mir versichern, sie werde gewiss zurück kommen, und das tat sie dann auch.

Ich weiß nicht, wieviel wir als nächstes herumliefen und ob ich dabei nur einmal oder mehrere Male die Pinkelrinne aufsuchte, die sich auf einer Erhebung befand zwischen dem Wald, der über dem Festival thronte, und einem davor/darunter liegenden Techno-Musik-Tanz-Grasflur. (Ich hatte vor allem im späteren Teil des Trips den Eindruck, sehr oft sehr stark von meinem Blasendruck gehetzt zu werden; vielleicht trank ich aber auch sehr viel. Ich erinnerte mich – und foxitalic erinnerte mich auch – regelmäßig daran, viel zu trinken, konnte aber unter Bedingungen des Trips gar nicht abschätzen, wie regelmäßig/oft ich es tatsächlich tat.) Beim ersten Mal an der Pinkelrinne während des Trips fand ich den Akt des Pinkelns extrem herausfordernd: An der Rinne stehen, auf die Rinne schauen, in den Wald dahinter, aufs eigene Gemächt, und sich ständig in der Wahrnehmung von alledem verlieren. Dann kam noch ein anderer Pinkelbedürftiger hinzu, stand plötzlich neben mir, und ich musste an mich halten, mein Starren und Staunen nicht auf sein Gemächt auszuweiten. Auf jeden Fall schien mir die Erledigung meines Geschäfts sehr lange zu dauern. Währenddessen zog sich foxitalic für ihr eigenes Geschäft in den Wald hinter der Pinkelrinne zurück. Auch hier durchzog mein Warten auf ihre Rückkehr eine leichte Sorge, ob sie denn zurück käme. Aber erneut gelang es mir, mich selbst zu beruhigen, bis sie wieder da war.

Kurz nach diesem oder einem späteren Pinkelrinnen-Besuch setzte Regen ein. Wir gingen von der Pinkelrinne runter zum Tanzbereich und kauerten uns dort mit anderen Menschen unter Baumkronen zusammen. Die Baumkronen hielten den Regen aber kaum ab, also flüchteten wir zur Zeltplane, die Sound-Anlagen und DJ-Apparaturen schützte; aber dort war es schon voller Menschen und wir fanden kaum Platz. Recht durchnässt eilten wir durch einen kleinen Waldgang zum Zeltplatz; dort stellten wir uns zu anderen Menschen unter eine Zeltplane, die einer Wohnwagen-Bar vorgespannt war. Wir diskutierten, ob wir bei unserem Zelt-Besuch vorhin das Zelt ordentlich verschlossen hätten. Der Wassersturz schien mir nun zunehmend katastrophisch (ich empfand ihn gar nicht als körperlich unangenehm; es schien mir aber eine rationale Folgerung, dass er ein sehr großes Problem sei) und ich sorgte mich, unser Zelt könne mit Wasser voll-laufen, weggespült werden oder das Zeltdach dem Regen unterliegen – und dann stünden wir als verwirrte Trippende ohne Shelter dar! foxitalic schien die Situation weniger zu verstören. Sie bat mich, unter der Zeltplane zu warten, während sie nach dem Zelt sehen würde. Ich wartete also und schaute ihr aus der Ferne zu, wie sie den Zeltplatz navigierte, mit einer Geschwindigkeit und Planhaftigkeit und Koordinationsfähigkeit, die mich erstaunte. Als sie zurück kam, bestätigte sie: Das Zelt sei ein bisschen offen gewesen. Aber Wasser sei kaum welches reingekommen.

Ich blieb besorgt. Mir war, als nüchtere mich die ganze Situation aus; der über uns hereingebrochene Taifun (die gefühlte Intensität des Regens nahm für mich immer weiter zu, auch wenn der Regen bei rationaler Betrachtung eher harmlos war und langsam abnahm) habe den Trip jäh abgewürgt. Immer noch kam ich mir benommen vor, aber die Zersplitterung der Realität, das Alles-bewegt-sich schien vergangen. Mit Ablassen des Regens gingen wir wieder etwas umher und gesellten uns bald am Ausgangspunkt unserer Reise (von wo wir anfangs die diversen Jongleure begafft hatten) zu einigen Freunden. Denen äußerte ich meine rege Sorge, ob wohl nun alles im Zelt unter Wasser stünde (trotz foxitalics Versicherung, es sei nur wenig Wasser hinein gelangt), ob wohl mein (dicht verpackter) Laptop noch ganz sei, ob nicht alle trockenesche im Zelt nun voller Wasser sei … Meine Stimmung schien düster, und ebenso die Welt um mich herum: grau und nass und kalt. Da meinte jemand: Schau, dahinten wird das Wetter doch wieder besser. Ich drehte mich um, und wie zuvor wirkte der Wechsel meiner Blickrichtung wie ein Auswechseln der ganzen Welt um mich herum: Als ich hinter mich schaute, war alles wieder hell, der Himmel tendierte zu Blau, die Welt schien positiv, fröhlich; ich schien in die Welt von vor ein bis zwei Stunden teleportiert. Meine Stimmung stieg wieder. So ganz war der Trip wohl doch noch nicht vorbei.

Trotzdem wich die Verwirrung meiner Sinne jetzt mehr und mehr einer Reflektionsphase. Ich spürte den Resten der Verwirrung meiner Sinne nach und fand vor allem Betäubung oder Abwesenheit von Empfindungen, die ich mir rational von meiner Situation erwartete, aber nicht (wie sonst sehr störend) spürte: Hunger oder Durst, Erschöpfung oder Müdigkeit, Kälte und Feuchtigkeitsgefühl (war meine Kleidung nicht durchnässt, war es nicht überaus frisch?). Das Einzige, was mich die nächsten Stunden nennenswert sinnlich drückte, war meine Blase, die fortwährend Entleerung einforderte. Immerhin kam ich mir nun nüchtern und auch mit meinem Zustand erfahren genug vor, um ohne aufpassende foxitalic regelmäßig längere Wege auf dem Festival-Gelände zurück zu legen – vorzugsweise zur vorhin erwähnten Pinkelrinne. (Wobei dort das Pinkeln mit Abnahme des Tageslichts umso unheimlicher wurde, da nun das von der Pinkelrinne einsehbare Waldpanorama von diversen bunten Lichtstrahlen der angeschlossenen Techno-Bühne bespielt und in ein beeindruckendes Meer aus fraktaler Natur und bewegten Farben verwandelt wurde, in dem hängen zu bleiben ich mich ein wenig fürchtete.)

Einmal gingen wir noch gemeinsam zum Zelt zurück. Dort stellte ich mit großer Erleichterung fest, dass wirklich kaum Wasser hinein geraten, alles im Großen und Ganzen noch trocken war. Ich kleidete mich ein bisschen um, für mehr Trockenheit (aber der Vorrat trockener und zugleich hinreichend wärmender Kleidungsstücke war leider tatsächlich arg begrenzt) und stopfte mir meine Jackentaschen mit Hanutas und Bifis voll, um mir für die verbleibenden Stunden keine Sorgen um Nahrungsversorgung machen zu müssen. Als wir wieder hinaus traten, blieb foxitalic an der Wohnwagen-Bar hängen und erzählte, was sie beim Starren auf diese gerade alles herbei halluziniere. Ich dagegen kam mir nun regelrecht vollends ausgenüchtert vor und stand nur fasziniert zuhörend daneben. Langsam kehrten auch einige meiner körperlichen Empfindlichkeiten etwa in Sachen Kälte wieder zurück; dass das LSD noch fortwirkte, bewies mir die nächsten Stunden vor allem meine anhaltende Hellwachheit. Und ein kurzer Moment, als ich aus irgendwelchen Gründen nochmal allein kurz ins Zelt ging: Dort schaute ich kurz aufs leuchtende Display meines Handys und hatte den Eindruck, für eine Sekunde flackere blitzartig sein Inneres auf, könne ich hinterm Display Drähte, Schaltkreise, Elektrizitätsflüsse sehen. Das bereitete mir Sorge, mich allein im Zelt im Starren auf mein Handy zu verlieren, also beeilte ich mich, es schnell wieder zu verlassen.

Ansonsten überkam mich in dieser Abschluss-Phase der Wirkung primär ein wachsendes Bedürfnis zur Selbst-Analyse und zur Konversation mit foxitalic über die Wirkungen des Trips und die Erkenntnisse meiner Selbstreflektion. Ich machte mir sehr viele Gedanken darüber, wie sehr ich von profanen Sorgen getrieben sei wie "ich muss mich wärmer anziehen, darf mich nicht erkälten" oder "ich habe lange nichts mehr gegessen, das sollte ich bald nachholen" oder "ich sollte planen, wie ich möglichst bald zur nächsten Pinkelgelegenheit gelange", und wie diese Sorgen es mir erschwerten, mich zu entspannen oder anderen Fragen Aufmerksamkeit zu widmen; wie diese Sorgen sich nicht mal eben achselzuckend zur Seite stellen ließen, wie es foxitalic leicht zu fallen schien. Irgendwann erzählte foxitalic mir, dass auch das all dieses Gerede noch typischer Teil des Trips sei, dass die zweite Trip-Hälfte eben weniger halluzinogen und dafür eher reflekterierisch gerate – und das erleichterte mich sehr. Wir legten uns dann noch vorm Eingang des Festival-Geländes (dessen Lichter hier vom umrandenden Wald größtenteils blockiert wurden) auf den Boden und starrten nach oben in die Milchstraße. foxitalic meinte, für ihre Augen würde sich da oben vieles bewegen; und ganz konnte ich das für mich auch nicht verneinen. Unklar, ob es das LSD oder die große Menge der hier im unverschmutzten Landhimmel erkennbaren Sternschnuppen war.

2014-05-30 (rückerinnert binnen der folgenden zwei Monaten)

WeltKongress, 2014-05-30, ca. 14.30h. Wir sitzen mit ein paar Freunden am See, mindestens A, B und C. Um uns herum sind viele andere Menschengruppen, die Workshops machen, sich sonnen, baden gehen usw. Foxitalic und ich nehmen je eine Dosis von ungefähr zwischen 200 und 250 Mikrogramm LSD.

Anfangs spüre ich noch keine Wirkung. Ich erwarte aus meinen zwei früheren Erfahrungen mit der Substanz erstmal sehr gemächliches Einsetzen von Benommenheit und großer Kicherigkeit. Ich sorge mich ein bisschen: Ein Jahr zuvor waren wir am selben Ort in einer ähnlichen Situation als Grüppchen so ausgelassen geworden, dass jemand aus einer Nachbargruppe uns besuchen kam, um sich zu beschweren. Ich äußere die Sorge, das könne sich wiederholen ob der vielen Menschen um uns rum. Jemand aus der Gruppe beruhigt mich mit genauerer Schilderung des letztjährigen Ablaufs: Dieser und jener Faktor von damals seien diesmal nicht gegeben. Ein bisschen sorge ich mich noch, als kurz darauf D und E vorbeischauen, und später F und G, denen bei zunehmender Wirkung der Substanz auf die Nerven zu fallen. Aber die Situation bleibt entspannt.

Bald glaube ich, eine Wirkung zu spüren: eine leichte Schwäche in meinen Händen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob da noch mehr passiert, bevor wir umziehen: Die ganze Gruppe beschließt, ein paar Meter weiter weg vom See, in der Nähe von Büschen, unter Bäumen Schatten zu suchen. Dort setze ich mich nicht mehr, sondern lege mich gleich hin, ins Gras, neben die sitzende foxitalic. Ich fühle mich nun deutlich geschwächt in meiner Körperkontrolle, dafür aber sehr aufnahmefähig. Ich schaue in die Bäume hoch und habe den Eindruck, das Blätterwerk sehr intensiv wahrzunehmen. Ich schließe die Augen und sehe Muster, die deutlicher und stabiler wirken als das vage Flirren, das ich nüchtern bei geschlossenen Augen sehe. Ich lausche der Konversation der Gruppe und höre ein paar von uns über Materialien für einen Workshop auf dem WeltKongress reden. Ich stelle mir die Strukturen, Faserigkeiten, molekularen Zusammensetzungen dieser Stoffe vor und habe den Eindruck, sie korrelieren ein kleines bisschen mit dem, was ich bei geschlossenen Augen sehe.

Ich lache, ich finde die Konversation aus der Gruppe sehr lustig: Sie scheint nur aus Wiederholungen zu bestehen. Jemand sagt etwas, jemand anderes wiederholt es, wie zur Pointierung, und dann noch einmal, und noch einmal. Bestimmte, vielleicht alle Wörter kommen wieder und wieder vor. Ich glaube nicht, dass ich das halluziniere. Ich denke mir: Vielleicht nehme ich jetzt nur besonders deutlich wahr, wieviel Redundanz in unserer Sprache ist.

Ich setze mich wieder und schaue mich um. Die anderen Gruppen am See tun seltsame Dinge. Einige versuchen, einen Baum hochzuklettern. Anderswo ist ein Improvisations-Theater-Workshop im Gange, und wir scherzen über diesen. Wir albern mit Paranoia herum, man versucht, mir einzureden, der Workshop würde mich verfolgen, ich amüsiere mich über diese Vorstellung. Ich spiele viel mit dem Gras. Meine linke Hand gräbt wie wild durch dieses. Als das Gespräch der Gruppe auf dieses Graben kommt, erzähle ich: Ich nehme das wahr, aber nicht, als wäre es meine eigene Hand. Was diese linke Hand tut, scheint weit entfernt zu sein von meinem Kopf. Ich frage, ob ich sehr laut oder leise rede, aus Sorge, die anderen Gruppen zu stören. Man versichert mir, dass ich keineswegs sehr laut sei, jedenfalls nicht genug, um den ganzen Krach von den anderen Gruppen zu übertönen. Ich selbst habe keine Wahrnehmung fürs Maß der Lautstärke meiner Stimme, sie könnte brüllend laut oder flüsternd leise sein.

Einige unserer Gruppe haben jetzt anderweitige Pläne. Foxitalic will zudem in den Wald, und ich will mit ihr gehen. Die Gruppe beschließt also, sich aufzulösen. Wir stehen alle auf. Foxitalic überlegt, was sie mit ihrem Handtuch tun soll, das sie nicht mit in den Wald nehmen will. Ich schlage vor, dass sie es unseren anderswohin aufbrechenden Freunden anvertraut. Sie geht zum nächsten Buschwerk und plaziert es dort, bei, wie sie meint, unseren Freunden, den Bäumen. Eine Menschengruppe läuft an uns vorbei, und ich habe den Eindruck, Leute von dort würden komisch und irritiert zu uns rüber gucken. Dann denke ich mir, dass meine Wahrnehmung mir Streiche spielt, beiläufigste vorbei streifende Blicke zu intensiven inquisitiven Starrereien hochspielt. Ich denke, dass ich jetzt gesteigert wahrnehme, wie ich auch nüchtern Beiläufigkeiten meiner Umwelt paranoisch hochspiele zu "oh, vielleicht beobachtet man mich, wer weiß, was diese Leute über mich denken, hoffentlich falle ich nicht negativ auf". Als würde mir meine Alltags-Paranoia überzeichnet vorgeführt und so spielerisch verlachbar.

Wir verabschieden uns von den Anderen und gehen am See vorbei, über eine kleine Brücke und entlang der letzten Wägen und Bauten des WeltKongresses bis zum Beginn eines kleinen Wanderweges in den Wald hinein. Wir waren diesen Pfad bereits am Vortag entlang gegangen. Wir gehen nicht allzu weit, als ich mich bereits ganz vom WeltKongress abgekapselt fühle: Mein Blickfeld besteht nur noch aus dem Wald, und was nicht in meinem Blickfeld ist, ist nicht da. Ich drehe mich kurz um und sehe noch entfernt Menschen: Da ist er also noch, der WeltKongress. Seltsame Geräusche dringen vom WeltKongress zu uns, die ausgelassenen Hedonisten stoßen Rufe und Kreischereien wie von Affen aus. Das stärkt Dschungel-Assoziationen in mir. Nachdem wir etwas weiter gegangen sind und auch beim Blick zurück der Kongress verschwunden ist, kommt es mir so vor, als wären wir im allertiefsten Urwald. Um uns herum sind nur noch die Geräusche der Natur. Die Bäume sind so riesig hoch. Nach allen Richtungen scheint es so endlos tief in den Wald hinein zu gehen. Ich weiß, dass wir vermutlich nur zwei oder drei Minuten langsamsten Spazierens vom Kongress entfernt sind, aber anfühlen tut sich die Distanz, als wären wir viele Wochenmärsche von der nächsten Zivilisation entfernt. Der harmlose deutsche Spazierpfade-Wald bekommt für mich die Anmutung der wilden Wälder, durch die ich mit foxitalic in Thailand geklettert bin. [Foxitalic ergänzt zu diesem Bericht, die seien genauso wenig wild gewesen. Naja, in meiner Stubenhocker-Wahrnehmung waren sie es!]

Ein Kongress-Teilnehmer, der mir bei einem Workshop am Vorabend ein wenig auf die Nerven gegangen war, kommt uns auf dem Pfad aus dem Wald entgegen, angeführt von einem kleinen Hündchen. Seine Kleidung, sein Hündchen, sein Gesichtsausdruck, all das wirkt auf mich absurd und komisch.

Ich rede viel über meine Wahrnehmungen. Foxitalic scheint dagegen eher schweigend um sich schauend zu genießen. Ich staune über ihre leichten, enthobenen Bewegungen. Mein eigenes Gehen kommt mir klumpig, klobig vor, als hätte ich den aufrechten Gang verlernt, oder würde mit seltsamen über den Körper verteilten Gewichten balancieren müssen. Foxitalic meint, man könne in diesem Zustand auch Bewegungen ganz neu lernen, und versucht, mir das Gehen neu beizubringen. Ich schaue hinab und versuche, ihren Anweisungen folgend, mich aufs Heben meiner Beine, aufs Auftreten usw. zu konzentrieren. Aber dabei fällt mein Blick auf den Boden und ich bin abgelenkt. Diese ganzen Zweige, Stöckchen, die da auf dem Waldweg herum liegen! Mein Blick scheint sie zu Mustern zu arrangieren. Sie sehen aus wie Buchstaben, wie Text, der in einen Boden eingraviert ist. Ich denke mir: wie lateinische Inschriften auf den Straßen einer alten römischen Stadt. Es ist, als würde mein Blick das, was ich da herbei assoziiere, direkt plastisch in den Boden hineinmalen. Ich weiß, dass da nur Zweige auf Erde liegen, aber ich sehe zugleich, wie sich daraus steinerner oder bronzener Boden bildet, in den Buchstaben eingestanzt sind oder aus dem diese hervorragen. Ich erzähle von alledem. Die Buchstaben ordnen sich aber nicht zu sinnvollen Wörtern.

Wir halten an einem Stück Holz am Wegesrand an, durch das Spinnen krabbeln. Es liegt nicht direkt am Pfad, sondern ein paar Schritte in den Wald hinein. Wir betrachten die Tierchen, und sie kommen mir monströs vor. Ich frage mich, ob sie mir auch nüchtern so groß und ungeheuerlich vorkämen. Ich sorge mich ein wenig, dass wir nicht mehr auf dem Waldpfad sind, und flüchte die wenigen Schritte auf diesen zurück. Lieber auf dem Pfad bleiben, denke ich mir, nicht direkt in die Tiefe des Waldes hinein gehen. Sonst könnten wir darin verloren gehen.

Wir gehen weiter, und ich fokussiere immer wieder Pflanzen, Blätterwerke. All diese Strukturen scheinen nur aus Wiederholungen immer gleicher Muster zu bestehen. Ich schaue auf einen ganzen Wald, aber mir ist, als sähe ich nur ein paar ausgewählte Formen (zwei oder drei Blätter, zwei oder drei Bäume), die sich zu allen Seiten endlos wiederholen. Ich denke mir: Ah, wahrscheinlich nehme ich sowieso, auch nüchtern, nie mehr wahr als so ein paar kleine Ausschnitte, die mein Gehirn dann ins Vielfache multipliziert, um das Gesamtbild aufzufüllen; nur jetzt nehme ich diesen Auffüll-Mechanismus meiner Wahrnehmung deutlich wahr.

Wir gehen weiter den Pfad entlang. Foxitalic erzählt von H und I, die auf Pilzen gemeinsam mit ihrem Hund in den Wald gegangen seien. Der Hund habe die beiden auch unter widrigen Trip-Umständen sicher angeleitet, als verstünde er die Situation der beiden und übernehme nun die Verantwortung, sie anzuleiten. So ein Tier sei bei einem solchen Ausflug perfekter Führer und Mittler zwischen den menschlichen Trippenden. Ich versuche, zu sagen, dass ich mir vorstellen kann, dass da was dran sei. Ich denke mir, das ist auch eine implizite Kritik an unserer aktuellen Kommunikationssituation. Dass der Dialog zwischen uns beiden ohne so einen Mittler grade nicht so gut klappe. Während ich ständig meinen eigenen Trip schildere und foxitalic Fragen zu ihrem stelle, sagt sie nur wenig, und irgendwann, jeder habe seinen eigenen Trip, wir könnten nicht zusammen den selben haben.

Ich assoziiere wild über meine Umgebung. Wenn ich auf den Boden schaue, sehe ich immer noch Stadtboden voller Inschriften, aber es ist kein römischer mehr. Ich denke mir jetzt, es ist ein neuzeitlicher, vielleicht englischer Stadtboden des 17. Jahrhunderts, vielleicht London. Ich assoziiere mir die Londoner Geschichten aus Neal Stephensons "Baroque Cycle" herbei (in dessen Vorgänger-Sequel, "Cryptonomicon", läuft ein Charakter auch in den 1940er Jahren durch London und macht sich rege Gedanken zur mathematischen Analyse des Entlangschreitens auf den dortigen Straßen) und stelle mir vor, das wäre der Boden der Straßen dieses Londons, und zwar des Finanzsektors der Stadt, wo die Banken stehen, in deren Kellern damals nicht nur römische Ruinen, sondern auch das aufbewahrte, vielleicht geschmolzene Gold lagern. Ich blicke auf den Waldboden und sehe darin den steinernen Straßenboden und seine Inschriften und glaube nun, das Gold im Stein darunter aufglühen zu sehen. Es glüht nicht nur golden, es glüht rot, und ich assoziiere die christliche Hölle herbei, die aus dem Untergrund nach oben strahle, ihr Teuflisches irgendwie verknüpft dem Gold und dem Finanzwesen.

Blicke ich dagegen wieder nach oben, dann sehe ich das Helle und Grüne und Blaue und Lichte des Waldes und Himmels, und foxitalic, die da engelsgleich hindurch zu schweben scheint. Unten die Hölle, oben das Himmlische, christliche Mythologie und Dämonisierung des Kapitalismus, denke ich mir. Ich rezitiere aus meiner aktuellen Marx-Lektüre (falsch) "mannigfaltige [korrekt wäre: mannigfache] Tauschwerte hat der Weizen", und frage foxitalic, ob wir hier irgendwo Weizen finden können, ob wir im Weizen nach den Tauschwerten suchen können. Foxitalic sagt, ja, klar, wir können gerne Weizen suchen gehen, und dass sie immer Schwierigkeiten habe, den Begriff "mannigfaltig" in der Mathematik zu verstehen. Ich setze den Begriff darauf in Bezug zu der ganzen Fraktalität, in die der Wald um uns herum sich aufzulösen scheint.

Links von uns beginnt, laut Auskunft von foxitalic, Nadelwald, den ich aber nicht als solchen zu identifizieren weiß, mangels botanischer Kenntnis. Ich sehe da ein endloses Meer lauter scheinbar entblätterter Baumstämme, die für mich wie abgestorben wirken, wie die Reste eines Waldbrandes, apokalyptisch. Ich erzähle das, und dann schaue ich nach rechts: Dort ist viel Grün, Wald, der zum See führt. Ich sage, links, da ist alles tot, rechts, da ist alles voller Leben. Ich nehme wahr, dass ich lauter Dichotomien dieser Art auf meine Umwelt projiziere. Oben, himmlisch, unten, Hölle; links, tot, rechts, lebend; foxitalic, die wortlos im Einklang mit der Natur zu trippen scheint, und ich, der ich rede, rede, rede und auf alles Buchstaben und Stadt und intellektuelle Gerüste projizieren muss. Letztere Dichotomie kommt mir vor ein sexistisches Klischee, die gefühlvolle natürliche Frau und der rationale kulturelle Mann, und ich schäme mich sogleich für diese Zuschreibung.

Der Wald vor uns flirrt in allen Helligkeitsstufen. Es sieht für mich aus, als käme das Licht des Waldes aus Filmdreh-Leuchtern, die hinter den Büschen und Bäumen hin und her bewegt würden, und so die Lichtverteilung ständig änderten. Es erinnert mich an eine optische Tricksequenz aus dem Film "Naqoyqatsi" – ungefähr Minute 70 in dieser Fassung: <http://youtu.be/FC09MB_eVTA?t=1h10m14s> –, ein hochdynamisches, anhaltendes In- und Auseinander-Fließen von Helligkeiten und Dunkelheiten.

Foxitalic erzählt von einem Baum, der besonders merkwürdig aussehe, und nach kurzem Suchen in meinem Blickfeld entdecke ich denjenigen, den sie fraglos meint: Er schraubt sich besonders verworren und wild in die Höhe und über den Weg, sticht als organisches Ungetüm besonders hervor. Vielleicht an diesem Baum, vielleicht auch an einem anderen, der ein zwei Meter vom Pfad ab im Wald steht, halte ich an, weil er mit Kritzeleien beschriftet ist. Ich frage foxitalic, ob sie die Schrift auch sieht, oder ob ich da nur wieder Buchstaben in den Wald projiziere. Foxitalic bestätigt die Anwesenheit der Beschriftungen. Wagemutig trete ich vom Pfad in den Wald hinein an den Baum heran, um ihn zu berühren und mich seiner zu vergegenwärtigen.

Wir gehen weiter, und ich stelle Fragen zu unserem Pfad, zu unserem Weg. Er kommt mir wichtig vor, ich lade ihn mit Bedeutung auf. Ich denke mir, dieser Pfad gibt Halt, hält uns sicher. Ich denke an die Geschichte vom Hund, der die Trippenden sicher durch den Wald führte. Ich frage, wo der Pfad hinführt. Foxitalic entgegnet vielleicht etwas der Art, er werde uns schon gut führen, auch wenn wir nicht wüssten, wohin. Aber als der Pfad an einer Stelle geringfügig abbiegt oder sich seine Umwaldung ändert, und ich das wohl noch kommentiere, meint sie: Wir können weiter gehen, aber wir können auch umkehren – möchtest du gerne umkehren? Mir kommt die Frage als schicksalsträchtige Entscheidung über die weitere Ausrichtung des Trips vor – das Bejahen oder Ablehnen des weiteren Voranschreitens auf diesem bedeutungsvollen Pfad. Ein Teil von mir möchte mutig sein und weiter gehen, aber ein anderer zögert merklich, ist vielleicht sogar etwas verängstigt. Und ich bekomme den Eindruck, foxitalic würde von sich aus sicher auch den Pfad weiter gehen, sorge sich aber gleichzeitig um mich, was das für mich bedeute, und dass es deshalb für uns zusammen vielleicht besser sei, wenn wir an dieser Stelle wieder umkehren. Also stimme ich zu: Lass uns umdrehen. [Foxitalic ergänzt zu diesem Bericht: "naja, der neue waldabschnitt war nicht so einladend, sehr verschlossene bäume. deshalb meinte ich wir sollten den wald dort inruhe lassen und zu dem zurückgehen, der uns da haben will. das angebot trotzdem weiterzugehen war nur falls du unbedingt wolltest. ich wollte auf jeden fall zurück"]

(Ich bin ein paar Tage später zum Ende des Kongresses den Waldpfad noch einmal allein abgegangen, und habe mich an diversen aus dem Trip erinnerten Markierungen orientiert, um die Länge unseres Weges bis zu diesem Wendepunkt nachträglich abzuschätzen. Ohne große Eile spazierend brauchte ich vom Pfad-Start am Wald-Anfang bis zum ungefähren Ende der Strecke um die zwanzig Minuten. Im Trip kam mir die bis dahin zurückgelegte Zeit sehr, sehr lang vor. Wobei ich die Zeit-Verzerrung auch analytisch wahrnahm: Es kam mir gelegentlich vor, als fließe die Zeit äußerlich so wie immer, aber statt wie sonst zu einem anhaltenden Fluss oder Kontinuum eingeebnet, nähme ich sie jetzt wahr als zu selbständigen Augenblicken zerstückelt – und würde in jedem dieser Augenblicke eine ausgedehnte Weile hängen bleiben, statt sofort weiterzuspringen.)

Alles kommt mir jetzt besorgniserregender vor. Dass wir umkehren, muss Gründe haben. Dass foxitalic sich Sorgen zu machen scheint, muss Gründe haben. Sie versteht viel mehr von diesen Dingen als ich, vielleicht hat sie irgendwelche Warnzeichen an mir entdeckt. Schon ein paar Mal während dieser Waldwanderung hatte ich mir Sorgen gemacht, sie vollzulabern, ihr in ihren eigenen Trip reinzureden. Ich will sie nicht mit meinem Trip bedrängen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, sie ist wie der Waldpfad so eine Art Sicherungsanker für mich, der verhindert, dass ich gerade verloren gehe – und dass ich deshalb irgendwie die Kommunikation mit ihr aufrecht erhalten, mich an das Reden mit ihr klammern muss. Ich glaube, der Trip beginnt, mich zu verängstigen – aber wenn ich zu ihr schaue, und ihre Hand halte, fühle ich mich wieder sicher und beschützt. Ich glaube, ich muss gerade hilflos wirken, und sie nimmt das wahr. Sie sagt beruhigende Dinge, die mich wieder entspannen. Und dass ich mich auch nicht sorgen brauche, ihr gerade zur Last zu fallen. Eben noch war ich verängstigt, jetzt fühle ich Sorglosigkeit. Ach, alles ist gut so, wie es ist. Ich will mich wieder den interessanten Eindrücken zuwenden, die sich von allen Seiten auftun.

Dann bleibe ich bei diesem oder jenem anderen Moment hängen, vielleicht einer Pflanze oder einem Tierchen, und vielleicht sogar stehen. Kurz darauf sehe ich, dass foxitalic einige Schritte weiter gegangen ist, und ich mache mir wieder Sorgen, mit ihr und dem Waldpfad den sicheren Pfad durch den Trip zu verlieren und im Trip verloren zu gehen. Dann trete ich wieder in die Mitte des Waldpfades und hole zu ihr auf und fühle mich wieder sicher. So schwankt meine Stimmung hin und her zwischen besorgt und erleichtert, zwischen beängstigt und fasziniert, und diese Schwankung spiegelt sich im Wechsel meiner Nähe/Ferne zu foxitalic und der Mitte des Waldpfads. Meine Emotionen werden eine Funktion meiner räumlichen Verhältnisse, und umgekehrt. Es ist weniger eine Sicherheit vor dem Wald, die ich suche, mehr eine Sicherheit davor, in meinen Gedanken und Gefühlen in ungute Richtungen abzudriften.

Die Strukturen der Baumstämme, Baumkronen, Blätterwerke vor mir, all das gerät nun auch zu Reihen von Buchstaben. Ich projiziere ein Buchstabenraster über mein ganzes Sichtfeld. Wie eine Folie, die ich über die Welt ziehe. Ich erzähle, dass es ein bisschen wie ein Käfig ist, als sei ich in einem Netz aus Lettern gefangen, die sich zwischen mich und die Natur spannen. Ich finde das nicht bedrängend, ich nehme es als bloße Projektion wahr, aber ich finde es auch etwas traurig: Wie sehr mein Kopf doch alles durch Sprache, durch Wörter filtert, dass ich gefangen bin im Käfig meines verbalen Verstandes, der Intellektualisierung von allem, und keinen ungebrochenen Bezug zu dem aufbauen kann, was auf der anderen Seite dieser Gitter liegt. Foxitalic wendet etwas der Art ein, dass auch diese Art des Zugangs und der Wahrnehmung okay und erkundungswürdig sei, dass da halt jeder anders sei, und ich verstehe: Ich brauche das nicht zu antagonisieren, ich kann diese Art des Zugangs auch einfach akzeptieren und dann Entdeckungen mittels seiner machen.

Ein Kind kommt uns auf dem Waldpfad entgegen, und wir gehen schweigend daran vorbei, und ich frage mich, wie es uns wohl wahrnimmt, ob wir harmlos oder beängstigend wirken, wie Verrückte, vor denen es die Eltern warnen würden. Foxitalic hält an einem Busch an und zeigt dort auf irgendetwas, erzählt von Libellen und deren Helikopterhaftigkeit und deren Fortpflanzungsverhalten. Ich erkenne zuerst nur wenig, dann glaube ich, teilweise diese Helikopter-Insekten im Gestrüpp zu erkennen, und stelle mich neben foxitalic ganz nah an sie heran. Dann bewegen sie sich auf irgendeine Weise, die mich erst so richtig erkennen lässt, dass sie gerade sexuell verkehren, und welche Teile des Gestrüpps zu ihren Körpern gehören, und schrecke zurück: Was für monströse und obszöne und ehrfuchtgebietende Geschöpfe und Vorgänge!

An einer anderen Stelle des Pfads bestaunt foxitalic eine Art Baumstamm mit einem Loch oben drin, aus dem Vögel fiepsen. Es sind Baby-Vögelchen, und sie fiepsen mit einer beachtlichen Lautstärke und Ausdauer, ohne Pause. Ich sage, dieser Stamm kommt mir wie ein Totem-Pfahl vor, um den wir uns ehrfürchtig scharen. Ich kann foxitalics Staunen nachvollziehen. Von Richtung WeltKongress kommt uns ein anderer Kongress-Teilnehmer entgegen, und er stellt sich zu uns. Er und foxitalic unterhalten sich, und auch er wirkt recht erstaunt. Wo wohl die Eltern dieser Vögelchen sind? Locken sie mit dem ständigen Gefiepse nicht Feinde an?

In dieser Phase unserer Wanderungen kommen uns spärlich noch weitere Leute entgegen. Das zeigt mir, dass wir uns dem WeltKongress nähern, und vielleicht ist das gut so. Ich sorge mich wieder über meinen Zustand. Ich sage, die Wirkung des LSD komme mir bedeutend stärker vor als bei unserem letzten Versuch – sei das wirklich noch eine ähnliche Dosis? (Foxitalic nimmt keine solche Steigerung wahr.) Jedenfalls komme ich mir unzureichend vorbereitet auf die Drastik dieser Wirkung vor. Ich denke mir: Respekt! Ich fühle mich überfordert. Alles wirkt auf mich in psychische Extreme zersplittert, zwischen denen ich haltlos hin und her drifte, von einem Empfindungs-Extrem zum anderen, von einer ins Äußerste gesteigerten gedanklichen Obsession zur nächsten.

Mir ist, als käme mir zwischen alledem das mich als Persönlichkeit ausmachende Gleichgewicht, oder mein sicherer Heimathafen, abhanden. Wenn ich aber meine Persönlichkeit verliere, was sichert noch die Moralität meiner Grundsätze und meines Verhaltens? Ich bin hier mit foxitalic allein im Wald, das erscheint mir unter diesen Bedingungen eine monströse Vorstellung – denn wenn mich nichts davon abhält, durch Persönlichkeitsverlust zu wer weiß was, vielleicht zum Monster zu werden, dann könnte ich doch hier jederzeit foxitalic irgendwas Übles antun. Dieser Gedanke sorgt mich sehr. Ich denke mir, ein bisschen so muss sich Schizophrenie anfühlen. Will ich schizophren werden? Bleibe ich auf diesem Zustand hängen?

Dann fällt mir auf, dass ich auch zur Sorge, die mir solche Gedanken verursachen, ein distanziertes Verhältnis entwickle, so wie ich zu allen anderen Teilen von mir ein distanziertes Verhältnis zu entwickeln scheine. Die Persönlichkeit, die ich mal hatte, würde sich vor sowas fürchten, würde sowas ablehnen – aber die kommt mir als Orientierungsgrundlage ja grad abhanden. Ich spüre eine Art neutrale Akzeptanz aufkeimen, emotional gleichgültig, die Entwicklung distanziert-interessiert betrachtend; eine Akzeptanz, die sich vermutlich auch damit abfinden könnte, wenn ich im derzeitigen Zustand auf ewig hängen bliebe und den Rest meiner Tage in einer Gummizelle verbrächte. Nach außen sähe das sicher schlimm aus, aber empfände ich es aus meinem derzeitigen Bewusstseinszustand heraus als schlimm? Warum sollte ich?

Dann wieder versuche ich, mein früheres Selbst dagegen in Stellung zu bringen, das diese Aussicht mit meinen bisherigen Wünschen, Lebensplänen und Verantwortlichkeiten kontrastiert. Mir ist, als müsste ich mich zwischen diesen beiden Optionen entscheiden: Wieder lade ich alles mit Schicksalsträchtigkeit auf – jetzt der Frage, ob ich hier im Wald und im Trip stehen bleibe, oder foxitalic zurück zum Kongress folge. Vor mir ist der Pfad zurück, und in dessen Mitte foxitalic, und ich male mir aus, er leuchte, und ich kann mich für diesen Pfad und die Rückkehr in die Welt entscheiden, oder fürs Hängenbleiben im Wald und diesem seltsamen Bewusstseinszustand. Es kommt mir vor wie Erzählungen von Nahtod-Erfahrungen, von Leuten, die sich in einem Tunnel sehen, an dessen einem Ende das Jenseits leuchte und sie rufe, und an dessen anderem Ende das Diesseits mit den noch Lebenden, die sie zurück haben wollen.

Wir gelangen ans Ende des Waldpfades, er öffnet sich zum Camp-Gelände, zum Ufer des Sees, zu Autos, Hängematten, Hütten. Die Umwelt ist deutlich eine andere und überlädt mich mit neuen Eindrücken. Ich glaube, das trägt zur Entspannung meines Gemüts bei. Ich lasse mich von foxitalic an die Hand nehmen und durchs Gelände führen. Wir diskutieren unser weiteres praktisches Vorgehen, also, Wasserflaschen auffüllen, Freunde suchen. Wir spazieren vorbei am Outdoor-Workshop von enigen unserer Freunde: Menschen auf Decken, die offenbar seltsame Dinge machen. Das sieht sehr, sehr seltsam aus, ich weiß es nicht recht zu interpretieren. Unsere Freunde dort und wir nicken einander kurz zu. Während wir durchs Gelände spazieren, versuche ich, über meine Gedanken-Ungetüme von eben aus dem Wald zu reden. Foxitalic sagt mehrere Dinge, die mir instantan Sorgen nehmen – über die Endlichkeit von Trips, über die Möglichkeit, solche Sachen nicht als Bedrohung sondern als erkundenswerte neue Erfahrung anzugehen, und dass ich jederzeit wie ich mag aus diesen Erfahrungs-Bereichen heraus treten oder wieder in sie zurückkehren könnte.

Ich sage: Ich komme mir vor, als kehre ich gerade aus einem großen, langen Roman zurück. Der Waldspaziergang war wie ein fünfhundert-, tausendseitiger introspektiver Bewusstseinsstrom-Roman, dessen Lektüre viele Stunden, Wochen braucht. Eine hochkomplexe Erkundung und Entwicklung einer Figurenpsychologie, voller Aufs und Abs und ganz viel Katharsis. Es kommt mir vor, als hätte ich im Wald meine Psyche durch viele erzählerische, dramaturgische Muster gejagt, die ich aus Literatur, Kino usw. kenne. Ich denke mir: Wie sehr ich meine Erfahrungen ganz allgemein (auch nüchtern) entlang solcher Erzählmuster nicht nur interpretiere, sondern auch lenke! All die psychische Schwere meiner Walderfahrung dampft jetzt zusammen auf eine ästhetische Spielerei meines Gehirns, das Gefallen hat an spannenden Romanen, Spielfilmen und Videospielen. Diese Neigung hat sich da eben im Wald mal spielerisch ausgetobt.

Ich weiß nicht mehr genau, wie wir dann weiter herumlaufen. Ich höre das Gerede diverser Kongress-Teilnehmer um uns herum und merke, dass ich es in den Stimmen unserer Freunde höre, obwohl es gar nicht von diesen kommt: als würde mein Erkennen von Stimmen gerade verrückt spielen. Irgendwann steigen wir zum zentralen Bühnen-und-Vokü-Platz herunter. Hier ist viel los. Wir halten Ausschau nach unseren Freunden. Foxitalic äußert irgendwas, dass das schwer sei, die zu finden. Ich dagegen sage: Nein, das läuft grad prima! Ich kann hier wie ein zielstrebiger Gesichtserkennungs-Algorithmus unser Blickfeld scannen, Gesichter herausfiltern und hervorheben (sie ploppen fast ein bisschen wie Software-Fenster-Pop-Ups von Porträtfotos über den Körpern ihrer Träger auf) und rasant schnell gegen interne Datenbanken abgleichen. Ich entdecke unsere Freunde A, B und vielleicht auch C an einem Tisch, und wir navigieren uns dorthin. Während wir das tun, höre ich von der Bühne Gesang über Gehirne, Neuronen, Synapsen, und sage etwas der Art, dass das als Liedtext gerade eher unpassend sei.

Wir setzen uns zu unseren Freunden an einen Tisch. Bei ihnen setzt ein weiterer Kongressteilnehmer, den ich noch nicht kenne. Er wird uns vorgestellt als ukrainischer Referent, der nachher noch einen Vortrag zur Ukraine-Krise halte. Vielleicht, um politische Diskussion unter diesen Umständen zu vermeiden, erklären wir, dass wir grad auf LSD seien. Der Ukraine-Referent meint, da wäre er auch grad lieber, als in seiner Heimat, wo gerade die Hölle ausbreche. Ich habe ein bisschen schlechtes Gewissen, hier neben dieser geballten Ladung Realpolitik meinem Trip zu frönen.

Gleichzeitig staune ich begeistert über das ganze Geschehen um mich rum auf diesem zentralen Bühnen-und-Vokü-Platz. So viel Gewusel, so viele Laute, so viele Menschen in seltsamsten Farben, merkwürdigste Gegenstände überall. Es wirkt alles so voll und viel und extrem. "Pandämonium", denke ich mir, was ein wildes Getobe, sehr reizvoll. Auf der Bühne trägt eine mir vage aus Berliner Hacker-Zusammenhängen bekannte Person eigenartige Texte vor, die assoziativ ihr Übriges tun. Das ganze Geschehen wirkt so absurd, so überzeichnet, so verrückt. Ich bin erst über Geschlecht, dann Identität dieser Person auf der Bühne verwirrt, setze sie spontan mit einer anderen Person aus dem selben Zusammenhang gleich. Ich denke mir, ui, je nachdem, ob diese Person ihre Brille aufsetzt oder abnimmt, wird ihre jeweils andere geheime Identität (die der Person, mit der ich sie verwechsle) offenbar. Dass mir diese Doppel-Identität nicht früher aufgefallen ist!

Wir brechen zur Tanz-Wiese hinter der Bühne auf. Foxitalic bittet A aus unserer Freundesgruppe, mitzukommen. Das macht mich wieder ein bisschen besorgt: Ich denke mir, vielleicht ist es seitens foxitalic eine Bitte um Hilfe, weil ich ihr Sorgen bereite. Wir gehen zu einem ruhigen Stroh-oder-Heu-Plätzchen am Rand der Tanz-Wiese und lassen uns dort nieder. Foxitalic erklärt A die Situation: Sie scheint, selber trippend, ein bisschen überfordert damit zu sein, sich grad um mich zu kümmern, und fragt A, ob A da nicht helfen könne. Ich habe den Eindruck, meine Hilflosigkeit belegend diese Anfrage mit Hundeaugen und Babystimme gegenüber A zu duplizieren. Gleichzeitig drücke ich aber auch Sorge aus, was für ein Gewicht wir da potentiell A an Aufgabe aufhalsen würden. Irgendwie endet die Konversation mit der Anfrage an A, doch C zu holen. Ich denke mir, C ist so ein hochsympathischer Fels in der Brandung und besonnener Problemlöser, mit dem kommt sicher alles ins Lot, sollte es irgendwelche Probleme geben.

A geht C holen, und foxitalic und ich unterhalten uns. Foxitalic sagt wieder sehr beruhigende Dinge. Sie lässt mich aber auch irgendwie wissen, dass sie grad ihren eigenen Raum brauche, und ich denke, da hat sie recht. Wir legen uns Kopf an Kopf ins Heu oder Stroh, und ich denke und höre in mich rein. Ich fühle mich erleichtert, gar nicht mehr so besorgt. Ich reflektiere über meine Sorgen seit dem Beginn des Waldbesuchs und finde mehrere Drehs, entlang derer ich sie auflöse. An einen davon erinnere ich mich gut – ich denke mir: Ich bin gerade gar nicht in der Lage, zu beurteilen, ob oder wie problematisch die Situation ist. Es könnte alles total harmlos oder gut oder total schlimm sein, es gäbe für mich keinen Weg, das aus meinem derzeitigen Zustand heraus zu schließen: Mein Gehirn bauscht ja noch die kleinste Irritation zur schicksalsschweren Not auf, und das Ergebnis dieser Aufbauschung wäre gleich intensiv, wäre die Vorlage nun kleinste Irritation oder größte Katastrophe. Letztlich muss ich die Beurteilung der Außenwelt überlassen, die Anderen sind grade sehr viel fähiger zu Bewertungen und Entscheidungen als ich. Ich kann diese Verantwortung ziehen lassen. A, B und C sind informiert, dass wir hier liegen: Vielleicht kommen sie gleich in bester Laune, mit einem Lächeln, zum Rumscherzen, oder sie kommen mit einem Krankenwagen, das kann ich nicht antizipieren oder beeinflussen. Ich werde, wenn überhaupt, die etwaige Brisanz der Situation an ihrer Reaktion erkennen. Ich kann einfach akzeptieren, was passiert, egal was. Das gibt mir eine Art großes Freiheitsgefühl.

Und tatsächlich kommen bald A, B und C. Sie erwecken bei mir dabei nicht den Eindruck großer Eile oder Sorge. Sie lassen sich bei uns nieder, wir alle plaudern, und bald fühlt es es sich für mich ein wenig an wie am Anfang des Trips, als wir als Gruppe am See saßen. Ich glaube zwischendurch sogar wieder, dass wir am See säßen: Ich kann den gegenwärtigen Ort und den Ort von vor vielleicht ein paar Stunden nicht auseinanderhalten. Ich bringe durcheinander, wo im Gelände sich der eine oder der andere Ort jeweils befindet. Und da hinten, ist da nicht wieder die Impro-Theater-Gruppe, die eigentlich zur Gegend am See gehört? Wir führen nahtlos unsere anfänglichen Witzeleien über diese, und dass sie mich verfolge, fort. Dazu passt, dass zwischendurch tatsächlich jemand zu uns kommt und uns auffordert, später bei dieser oder jenen Performance oder Aktivismus-Übung mitzumachen. Irgendwie hängt das sicher alles zusammen: Theater-Gruppe, Aktions-Übungen, und jedes seltsame Verhalten der Leute um uns herum – die machen vielleicht einfach beim Impro-Theater mit.

Ich fühle mich ein wenig neu geboren, als hätte ich meine Ängste überwunden. Ich denke mir: Jetzt bin ich kein Nervenbündel des Trips mehr, sondern kann über den Trip Dinge ausprobieren, und so neu erfahren – geradezu ein instrumentelles Verhältnis zum Trip entwickeln: der Trip als Werkzeug, um mich neu zu konfigurieren. Mir ist, als wären mir diverse sonst übliche Hemmnisse und Ekel abhanden gekommen. Ich betrachte und berühre sonst furchterregende Insekten und lasse sie mich bekrabbeln. Ich gehe ans Gebüsch und suche nach Krabbeltieren, um sie anzufassen. Ich lasse mir einen wenig versprechenden Müsli-Riegel geben und verzehre ihn und stelle fest, das ist ein hochspannendes Erlebnis, dass er aber andererseits wie Pappe schmeckt. Ich beginne mit B ein Gespräch über ein politisches Thema, über das er bekanntermaßen obsessiv abnerden kann bis zur Ermüdung aller Konversationspartner. Ich nehme mir vor, dieses Thema auf LSD zu erkunden und neu zu verstehen, und erfrage alle mir sonst eher gleichgültigen Aspekte mit größter Neugier. Es kommt mir vor, als würde ich das Thema wie ein Wurzel- und Astwerk in alle möglichen Abzweigungen aufspannen und verfolgen. Mir werden darin dramatische Symmetrien und personelle Verquickungen bewusst, und welche Szene-Befindlichkeiten sich darin warum zuspitzen. Ein bisschen kommt es mir auch so vor, als bringe mich die Konversation über dieses für mich altbekannte und geradezu langweilige Thema aus der Fremde in vertraute Gefilde zurück.

Eine andere Sache, die ich notgedrungen ausprobiere, ist mehrfach der Weg entlang des Veranstaltungsgeländes zu den nächsten Dixie-Klos. Dass ich ihn sorgenfrei ohne Begleitung wage, zeigt, wie sicher ich mich inzwischen wieder fühle. Mein Navigieren entlang der Wege und zwischen all den Menschen, die miteinander Ballspiele ausführen usw., scheint mir roboterhaft-algorithmisch, von höchster Präzision, Geschwindigkeit und Effizienz. Ich bin stolz auf mich, was für eine gute Pathfinding-Maschine ich bin.

Wir verbringen vielleicht Stunden an dieser Tanz-Wiese. Mit der Zeit komme ich mir immer nüchterner vor. Irgendwann brechen wir als Gruppe auf zu unseren Abendveranstaltungsplänen. Vor allem wollen wir den Talk zur Ukraine-Krise besuchen. Wir lassen uns in einem Gebäude in dem Raum nieder, wo der Talk angesetzt wurde, in Erwartung von Kontroverse: Es gibt eine Ankündigung, man habe diskutiert, den Talk abzusagen, es gäbe da diverse Anschuldigungen zum Hintergrund des Referenten, starke gegenteilige Positionen, aber letztlich wolle man jetzt einfach beide Seiten zu Wort kommen lassen. Foxitalic bricht bald wieder auf, sie kann dem Ganzen nicht folgen und hatte auch angekündigt, nicht bei dieser Veranstaltung zu bleiben. Ich versuche es etwas länger, aber ich finde auch keinen roten Faden, an dem ich mich festhalten könnte. Am Interessantesten finde ich noch die am Vortragsraum ausgeteilten Flugblätter einer zum Redner oppositionellen ukrainischen Gruppe, die ihn dieser oder jener faschistischen Verbindungen beschuldigt. Ich gebe auf und verlasse die Veranstaltung. Draußen, es ist inzwischen Abenddämmerung, finde ich foxitalic. Wir laufen hin und her, und schließlich zurück zum See.

Am See debattieren wir die Frage, was Bienen, Wespen und Hornissen unterscheide, und wie es sich mit deren Stechverhalten und ihrer Sterblichkeit qua Stecherei verhalte. (Es gibt eine Stelle am Weg zu unserem Zelt, ein Baum, um den sich die Hornissen scharen. Foxitalic fürchtet diese Stelle wegen dieser Tiere.) Wir gesellen uns zu anderen Menschen am Strand zur Diskussion dieser Frage. Ich verabschiede mich irgendwann, um zurück zum Zelt zu gehen und mir dort Dinge wie wärmere Abendkleidung, Essen usw. zu besorgen. Auf dem Rückweg durchs Veranstaltungsgelände zum See wird mir etwas schummrig. Ich glaube, ich spüre so langsam Anzeichen der vom Trip auf stumm geschalteten körperlichen Belastungen der letzten Stunden. Ich schwitze stark. Als wir vom See fort, weiter übers Gelände gehen, erklärt foxitalic mir, der Körper laufe während des Trips ständig, stundenlang auf Hochtouren, wie im Fieberzustand, nur dass man davon erstmal nichts merke.

Irgendwann, nun ist es auf jeden Fall schon dunkel, sind wir wieder auf dem zentralen VoKü-und-Bühnen-Platz und stehen um Essen an. Ich habe ein sehr großes Ess-Bedürfnis. Während ich in der Schlange anstehe, fühle ich mich wieder benommener. Ich glaube, der sorgenreichere Teil meines Trips meldet sich wieder. Diese Überforderung durch meine Umgebung, und die Angst, mein emotional-geistiges Gleichgewicht zu verlieren, und dann vielleicht in so einem Ungleichgewicht hängen zu bleiben. Als ich mir einen großen Batzen essen geholt habe, kriege ich ihn kaum hinter. C ist bei uns. Ich sage foxitalic, dass ich mich wieder hilfloser fühle. Wir gehen zu dritt durchs Gelände, und mir wird wieder besser.

Wir bleiben bewundernd an einigen bunten Lichterspielen hängen – wundersame Beleuchtungen des Gelände-umgebenden Waldes. Ich merke, das mir das alles wieder sehr fraktal vorkommt, das angeleuchtete Blätterwerk. Noch die nächsten Tage (ach was: Wochen; vielleicht: permanent) spüre ich leichte Nachwirkungen in meiner Art und Weise, das Grün der Natur zu sehen: Blätter, Bäume, Pflanzen, all das wirkt faszinierender auf mich als sonst bei mir üblich.

Die ganze Zeit habe ich ein überschäumendes Bedürfnis, über meine Trip-Erfahrung zu reden, sie zu verbalisieren – im Grunde alles, was hier als Text steht. Gleichzeitig will ich damit vorsichtig sein, vor allem foxitalic nicht damit nerven. Wir gehen mit C zurück zum See und lassen uns dort entspannt nieder. Wir führen gute Gespräche, und foxitalic und ich lassen Teile unserer Trips Revue passieren. Ab hier kehren meine Sorgen nicht wieder. Foxitalic erklärt, dass sie irgendwann im Wald auf einen Modus schaltete, das Kümmern um mich gegenüber ihrer eigenständigen Trip-Erkundung zu priorisieren. Vielleicht schaukelten wir uns gegenseitig in unseren Sorgen über den jeweils Anderen und dessen Sorgen hoch. Foxitalic erklärt, dass sie anfällig dafür sei, schnell in einen starken Umsorge-Modus zu fallen, und da eigentlich gegen arbeiten wolle. Sie beschließt, so ein gemeinsames Trippen von uns beiden nicht noch einmal zu wiederholen. Ich bedauere das, verstehe aber das Problem und stimme zu. Foxitalic erklärt, dass das für sie trotzdem kein schlechter Trip gewesen sei, auch diese Erfahrung sei ja interessant gewesen, und sowieso gebe es keine schlechten Trips – nur schwierige.

Foxitalic, C und ich führen noch viele Stunden spannende Gespräche über alles Mögliche und suchen am Nachthimmel Planeten.

2015-07-29 (rückerinnert in den ein zwei Wochen darauf):

Dosis: Schwer einzuschätzen. Nach Rahmen-Informationen und bisherigen Erfahrungen sicher nicht groß unter 0,15mg, und keineswegs über 0,3mg.

Trip in einem innerstädtischen Spazier-Wald / baumreichen Park. Sproodl sitted. LSD-Konsum ca. 17.10h. Unsicherheit ob eines vorherigen erfolglosen Anlaufs, ob bei der Quelle tatsächlich eine Wirkung zu erwarten sein wird. Wir haben uns zum Wartezeit-Vertreib (Plan: maximal zwei Stunden auf eine Wirkung warten, dann eine Wirkungslosigkeit für gesichert annehmen) ein Notebook mit einem Vorrat iCarly-Folgen mitgenommen. Wir suchen ein lauschiges Waldplätzchen, um eine zu schauen. Ich spüre während der Folge bereits eine geringfügige Benommenheit oder Schwäche in meinem körperlichen Empfinden, und ein leichtes Grinsmuskelziehen im Gesicht, aber es ist noch nicht deutlich genug, um mir einer Wirkung sicher zu sein. Es beginnt, zu regentröpfeln, und wir schließen den Rechner. Wir beginnen, ein bisschen durch den Wald umherzustapfen, und ich bin mir jetzt sicher, die Symptome einer LSD-Wirkung, wie ich sie bisher von Trip-Beginnen kenne, zu spüren. Mein Sichtfeld kommt mir verengt vor. Es ist ungefähr eine halbe Stunde bis Dreiviertelstunde nach Konsum.

Beim Umherwandern deutliche Verengung körperlichen Gespürs und der Umweltwahrnehmung. Ich erkläre, es sei beim Atmen zum Beispiel, als spüre ich meine Lunge verringert, und beim Gehen meine Beine; trotzdem scheinen diese Körperteile alles zu tun, was sie tun sollen, nur fühle ich mich davon zunehmend entkoppelt. Das Umherstaksen im Wald erscheint abenteuerlicher, der Wald hügeliger, aber Sproodl erklärt, unsere Wege seien jetzt auch tatsächlich hügeliger als die vorherigen. Ich finde es schwerer, laut und leise und fern und nah einzuschätzen. Gelegentlich tauchen Menschen auf, denen wir begegnen könnten, weil sie uns entgegen kommen oder auf unserem Weg zu liegen scheinen: Ich sorge mich ein bisschen vorm Kontakt mit ihnen (wir sind ja hier nicht auf einem Hippie-Festival, wo mir ein Trip-positiver Grundkonsens der Anwesenden naheliegend scheint, und was, wenn ich dann auffiele?), und das wird unterstützt durch meine Ungewissheit, wie nah sie uns jeweils seien (aber Sproodl räumt all diese Sorgen über Nähe der Anderen auf Nachfrage jeweils aus).

Regelmäßige Konfrontation mit Vorbei-Joggenden und Vorbei-Radelnden, die uns auf dem Weg begegnen. Ich bemühe mich, sie nicht anzuschauen, und stattdessen meine Aufmerksamkeit dem Boden oder dem Wegesrand-Grünzeug zu widmen. Sproodl meint, ich wirke dabei nicht so sehr betrippt als einfach wie ein interessierter Botanik-Nerd. Aber ein oder zwei Mal merkt sie an, ich sei wohl etwas dramatisch wirkend ausgewichen (etwa als wir nach einem Weg gefragt wurden). Leichte Paranoia, als hinter uns langsam ein Auto einen Waldweg entlang fährt, und statt weiterzufahren, als wir an den Rand gehen, selbst zu unserer Seite an den Rand fährt. Wir gehen weiter, das Auto verbleibt; wir spekulieren, es sei ein Förster (wir befinden uns in diesem Augenblick in einem Naturschutzgebiet des Waldes). Kurze Zeit später, an einer Waldpfadkreuzung, radeln an uns ein Erwachsener und ein Kind vorbei, und hinter ihnen trottet ein zauselig wirkender Mensch, der sich vom Waldpfad aus in den Wald begibt; ich merke mir diese Kreuzung (und diese Menschen), wir werden später wieder an ihr vorbei kommen. Wir betreten von hier aus einen engeren, hügeligeren Pfad, und lassen uns dort zum Sitzen nieder.

Von dort habe ich einen Blick auf eine Art kleinen Abgrund oder ein kleines Tal, hinter einem Weg und einigem Grünzeug. Mein Blick bleibt lange am Grünzeug hängen, und ich fühle mich von Sinnesreizen erschlagen. Ich kann nicht recht verbalisieren, was mich überkommt. Es ist ein Kriseln und Glitzern in meinem Blickfeld, das ich Sproodl beschreibe als die Sternchen, die man im Moment von Kreislaufschwierigkeiten sehen mag, aber viel intensiver und stabiler. Etwas Leuchten. Vielleicht ist da auch ein leichtes Wabern und Sich-Bewegen des an sich ruhenden Erdbodens. Ich verankere meinen Blick ganz in diesem einen Stück Grünzeug, und es scheint als Anker auch zu verbleiben, wenn ich meinen Blick anderswohin umherschweifen lasse, während sonst alles ins Off fällt, wenn ich es nicht fokussiere. Die direkt neben mir sitzende Sproodl fällt nur manchmal in mein Blickfeld, und dann wie eine Überraschung, dass sie noch da sei. Zeit-Verzerrungen. Dieser Moment nimmt sehr viel Raum ein, und ich kann hier nur wenig davon beschreiben.

Als wir weiter gehen, ist es ungefähr 18.30h. Mir kommt das schon relativ spät vor – so viel Trip war doch noch gar nicht? Wir passieren wieder die Kreuzung, an der uns vorhin der Erwachsene mit dem Kind per Fahrrad passierte, und kurz darauf einen Baum, den Sproodl schon vorher als bemerkens- und bestaunenswert hervorhob. Ich finde ihn nicht erstaunlicher als den Rest des Waldes. Irgendwie erscheint mir egal, welchen Gegenstand ich fokussiere, sie nehmen meine Aufmerksamkeit alle gleich stark ein, als austauschbare Spiegel meiner Wahrnehmungsstrukturen. Dieser Trip führt mir meine Wahrnehmung vor, nicht die Welt. Ich erzähle Sproodl, dass der nächstbeste Baum meine Aufmerksamkeit genauso zieht. Ich betrachte den nächstbesten Baum, gehe an ihm herum: Egal von welcher Seite ich ihn betrachte, sein Bild scheint sich perspektivisch nicht zu ändern, mir stets die gleiche Seite zu zeigen, als sei er ein flacher Papp-Aufsteller, der sich mit mir dreht. Ich trete mit Blick auf den Baum vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück, ohne dass er dabei Tiefe gewinnen würde. Ich sage, dass die Art, wie er mir zugewandt zu bleiben scheint, an die Augen der Mona Lisa erinnere.

Das wiederholte Vor-und-Zurück-Gehen gegenüber irgendeinem zu betrachtenden Natur-Gegenstand überkommt mich noch ein zwei weitere Male. Wir wandern weiter viel herum. Mehrfach frage ich, ob die gegenwärtige Stelle wieder dieselbe Kreuzung sei, an der wir vorhin waren, was Sproodl stets leugnet. Verschiedene Orte erscheinen als dieselben. Auf einem Pfad in Nähe eines Sees kommt mir die Umgebung als das vertraute Gelände des Weltkongresses vom letzten LSD-Trip vor. Dieser Ort und die Waldpfadkreuzungen zuvor wirken wie Zeitreise-Sprungbretter, als müsste ich nur ein bisschen weiter gehen, um in die nahe oder entfernte Vergangenheit zu gelangen.

Wir setzen uns wieder, und ich gerate wieder ins anhaltende Starren auf Gegenstände – vor allem ein hölzerner Zaun, oder ein hölzernes Geländer. Licht zuckt durch die Furchen. Ein leuchtendes, pulsierendes Netz oder Gatter überzieht das Holz. Vielleicht befinden sich Zeichen zwischen den Linien. Es erinnert mich sehr an religiöse Symbolik und psychedelische Malerei, und an die Decken-Beleuchtung der Nomad-Psybient-Bar.

Wir wandern weiter und finden eine Sitzgruppe. Dort lassen wir uns zum Plaudern nieder. Es ist jetzt kurz nach 20.00h. Ziemlich plötzlich überkommt mich eine große Klarheit. Mein Blickfeld wirkt wieder ausgeweitet. Ich komme mir nicht mehr so konzentriert auf einen kleinen Punkt in meinem Kopf vor wie zuvor, sondern umgekehrt ausgebreitet, eingebunden in die Umwelt. Ich unterhalte mich mit Sproodl über luzides Träumen und die Enttäuschung, die ich empfinde, dass dabei der Einfallsreichtum meines Gehirns den Horizont des Erfahrbaren begrenzt. Ich halte mich für nüchtern genug, mein Notebook zu bedienen, um ein bisschen Musik abzuspielen und deren Wirkung auf mich zu erproben. Ich spiele Michael Nymans "Where the Bee Dances" ab und gerate darüber sehr ins Reden über musikalische Strukturen. Danach hören wir den Pachelbel-Kanon. Schließlich findet Sproodl es kühl, und wir beschließen, uns wieder in Bewegung zu versetzen.

Beim Weitergehen schaue ich auf den Boden und erkenne Schleifen oder Wiederholungen im Boden, und gleichzeitig im Reden von Sproodl, meinen Bewegungen, und Denkmustern. Ich sage, dass dieselbe Strukturierung durch den Rausch sich um meine visuelle Wahrnehmung der Umwelt legt wie um mein Zeit- und Raum-Verständnis und mein narratives Denken. Ich kann dem Gespräch mit Sproodl immer nur bis auf gefühlt den letzten Absatz folgen, aber die Einheiten, denen ich folgen kann, scheinen jedenfalls größer als vor ein zwei Stunden. Was wir tun und reden scheint mir als Abfolge erzählerischer Muster und Wendungen deutlich hervorzutreten. Während mir der Rausch vorhin genau meine sinnliche Wahrnehmung vorführte, tut er es nun mit abstrahierenderen Bewusstseinsstufen, als schraube er sich von einem Anfang im niedrigeren Tier-Ur-Hirn zur evolutionär höheren Hirn-Rinde fort.

Wir betreten ein Tal, lassen uns dort nieder, und reden eine ganze Menge über politische Begriffe und Computer-Spiele-Konstruktion. Ich beginne mich sehr über die Abnahme meines Wasserflaschen-Inhalts zu sorgen, und wir beraten das gemächliche Verlassen des Waldes Richtung Zivilisation. Es wird dunkel, und wir brechen zum Park-Eingang auf. Irgendwann erreichen wir Wohngebiet, und von dort den Weg zum Bahnhof. Ich äußere Zufriedenheit mit dem bisherigen Trip-Verlauf: keine dem letzten Mal vergleichbaren größeren Sorgen-Momente, keine nennenswerten Probleme bisher trotz des innerstädtischen Umfelds. Ich fühle mich inzwischen einigermaßen nüchtern.

Wir betreten den Bahnhof und den Bahnsteig. Alltags-Menschen. Jedes zweite Gesicht kommt mir fälschlicherweise bekannt vor, und auch noch in der Bahn der vermutlich mindestens übertriebene Eindruck, von einigen dieser Leute beobachtet zu werden. Wir beschließen, soviel Heimweg zu fahren wie erstmal möglich, mit Option auf Zwischen-Stopps, falls der Trip es erfordere. Ich spüre nach einer Weile wieder eine leichte Benommenheit wie beim Trip-Anfang, leichte Schwäche und Sinnes-Überwältigung, und beantrage in Folge einen Stopp an einer ruhigen Station. Dort wandern wir ein wenig durch Wohn-Gebiet, und an einem Brücken-Ausblick auf bunt leuchtende Cyberpunk-Gebäude entlang, deren Farben mich staunen machen. Dann fahren wir weiter. Die Fahrt ist mit ihrer lauten menschlichen Innenbahnfülle etwas anstrengend, aber nicht zu sehr. Ich verwechsele leicht Bahn-Stationen bzw. erkenne mir bekannte Bahnhofsgebäude und -anfahrten an den falschen Stationen. Am Alexanderplatz steigen wir aus. Am Bahnsteig läuft uns x über den Weg, wir grüßen uns kurz, aber x hat es eilig.

Vom Alexanderplatz fahren wir mit der Tram weiter. Es ist bald Mitternacht, und wir planen den Ausgang von Sproodls Tripsitting bei ihr zuhause, damit sie sich irgendwann schlafen legen kann. Ich bin zwar immer noch hellwach, spüre aber inzwischen Anzeichen körperlicher Erschöpfung und Verbrauchtheit. Ich erzähle, dass mir der Trip wie vertrautes Gelände vorkam nach dem vorherigen, viel weniger überfordernd, die Effekte einigermaßen bekannt; neu war diesmal die räumliche Nähe zur / Konfrontation mit der Alltagswelt. Bei Sproodl zuhause bin ich ein bisschen überfordert von häuslichen Technologien wie Wasserhahn und Lichtschaltern und begeistert von rumstehendem Spielzeug. Der Enge der Wohnung steht mein anhaltender Bewegungsdrang entgegen, ich gehe auf und ab, auf und ab. Wir hören ein wenig Max Goldt und schauen ein paar Folgen iCarly, aber Sproodl verfällt schon mehrmals ins Schlafen. Ich fühle mich stabil genug, um allein klarzukommen.

Ich verabschiede mich gegen zwei Uhr und gehe den beruhigten zehnminütigen Hinterstraßenfußweg zu mir nach hause. Auf der Strecke strahlen mir die gewohnten Straßenlichter sehr viel farbiger als sonst, als sei ein Farb-Unterschiede neutralisierender Schleier gelüftet, der normalerweise über ihnen liegt. Daheim angekommen, brauche ich kaum das Licht anmachen: Die paar Standby-Geräte-Leuchten, die sowieso funkeln, erhellen mein Zimmer stark genug für meine Augen. Ich konsumiere einige Stunden passiv Internet (und auch etwas Fernsehen), insbesondre einige psychedelische Multimedia. Die äußerste Wachheit hält an. Erst gegen sieben Uhr früh halte ich mich für müde genug, um mich schlafen zu legen.

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